Judentum und Shabbat
3 01 2010Ein zentraler Bestandteil des Judentums ist der Shabbat, ein Tag in der Woche, an dem man komplett ruht und der auch trotz seiner Regelmäßigkeit der höchste Feiertag der Religion ist. Hier in Israel kann man diesen Tag nicht übersehen; anders als am deutschen Sonntag, fahren zumindest in Jerusalem keine Busse, Läden sind geschlossen. Dies wird umgesetzt, obwohl längst nicht alle Menschen die hier leben jüdisch sind (etwa 75% der Israelis sind jüdischer Abstammung, als religiös bezeichnet sich von dieser Gruppe aber nur ein Drittel). Um die 20% der Bevölkerung sind arabisch, die den Shabbat in ihren Gebieten natürlich nicht einhalten müssen, aber auf öffentlichen Plätzen bleibt ihnen allerdings auch nichts anderes übrig.
Für den Shabbat gibt es unterschiedliche Begründungen, unter anderem, dass – laut der Überlieferung der Schöfpungsgeschichte – Gott in sechs Tagen die Welt erschaffen, am siebten Tag jedoch geruht hat, dass Gott Israel aus Ägypten in das Land geführt hat, in dem sie auch heute wieder leben oder auch als Ruhepause um neue Kraft für die Arbeit zu sammeln.
Das Arbeitsverbot, das mit dem Shabbat einhergeht ist heutzutage durch den Talmud, der zweitwichtigsten jüdischen Schrift ziemlich eindeutig festgelegt. So darf man kein Feuer anzünden, nichts verdienen (religiösen Juden fassen am Shabbat nicht einmal Geld an), keine Werkzeuge verwenden und auch nicht schreiben. Eine interessante Angelegenheit ist auch der sogenannte Shabbatfahrstuhl: Da das Drücken von Knöpfen als Arbeit gilt, gibt es Aufzüge, die grundsätzlich auf jedem Stockwerk für einige Minuten halten, damit man ein- und aussteigen kann, ohne den Feiertag zu missachten.
Juden dürfen beispielsweises auch keine anderen Menschen zur Arbeit auffordern, da sie sich nicht ganz sicher sein können, ob der andere jüdisch ist, oder nicht. Deswegen fragen meine religiösen Behinderten mich am Shabbat nicht, ob ich das Licht anmachen könne, sondern sagen: “Es ist so dunkel im Raum.”
Die grundlegende Entscheidungsregel zur Bestimmung, was erlaubt ist und was nicht, lautet im Judentum, ob etwas neues geschaffen wird, oder nicht.
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Letztens waren Philip, Sara und ich an einem Samstag an der Altstadt, bevor wir zur Gemeinde gegangen sind. Während wir zum Damaskustor liefen, sind wir an einer Demonstration Ultra-Orthodoxer Juden vorbei gekommen:
Die Menge setzte sich dafür ein, dass der Shabbat in ganz Jerusalem so praktiziert wird, wie in den ultra-orthodoxen Vierteln (Dazu gehört beispielsweise, dass in der ganzen Stadt kein Auto fahren solle) und untermauerte ihr Anliegen durch laute „Shabbes“-Rufe, was jiddisch ist und Shabbat heißt.
In dem Moment habe ich mich wieder einmal gewundert, wieso die Juden sich möglichst genau an das Gesetz, zu halten versuchen, und dazu jeden kleinsten Wortlaut umsetzten; gleichzeitig jedoch den Sinn des Gesetzes – zumindest aus meiner Perspektive – völlig außer Acht lassen, indem sie auf der Straße stehen und Rabatz machen. Ich verstehe den Shabbat als ein Aufforderung Gottes als Mensch zur Ruhe zu kommen.
Im nächsten Augenblick hab ich dann aber gedacht, wie engstirnig es ist, die andere Religion innerlich zu kritisieren, weil sie Sachen nicht so versteht wie ich, und ich bin mir sicher, dass es auch in dem, was wir als Christen machen, vieles gibt, wo Andere nur den Kopf drüber schütteln können, da es am Sinn vorbeizugehen scheint. Ich hoffe, dass ich die Augen offen halten kann für solche Dinge und feste Grundsätze nicht ungefragt übernehme, weil man es nun mal so macht.
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Übrigens: Frohes Neues!
Kategorien : Allgemeines, Israel, Jesus, Juden


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